Mehr als 30 Völker Europas haben im 20. Jahrhundert
als Ganzes oder in Teilen ihre Heimat verloren. In dieser Ausstellung sollen
gemeinsame, aber auch unterschiedliche Ursachen, Wirkungen und Folgen von
Zwangsmigrationen dokumentiert werden. Dabei wird keine Gewichtung der Leiden
jedes einzelnen Betroffenen vorgenommen. Vielmehr folgt die Ausstellung dem
Postulat der unteilbaren Humanitas.
Die Umsetzung der Idee eines ethnisch homogenen Nationalstaates ist eine der
Hauptursachen für Vertreibungen ethnischer Gruppen und Minderheiten im
20. Jahrhundert. Rassismus und Antisemitismus waren neben dem Nationalismus
weitere Antriebskräfte für Vertreibung und Vernichtung. Die Zahl
der Opfer von Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts ist hoch.
Historiker sprechen von 80 bis 100 Millionen Menschen. Ein großer Teil
der Zahlen beruht auf Schätzungen, bei denen Mindest- und Höchstwerte
genannt werden. Die Unsicherheit hat viele Ursachen: Die Vertreiber sahen
meist keine Veranlassung, die Zahl ihrer Opfer zu dokumentieren. Meist sollten
die Opfer ganz aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden. Selbst
wenn keine bewusste Absicht der Täter vorlag, Taten zu vertuschen, waren
die Umstände, unter denen Vertreibungen stattfanden, für Statistiken
extrem ungünstig.
Historiker wägen ihre Schätzungen ab und streiten über Zahlen.
Doch abstrakte Zahlen versperren die Sicht auf das Leiden der einzelnen Menschen.
Auch in relativ niedrigen Zahlen kann sich eine kollektive Katastrophe widerspiegeln.
Die ausgewählten Fallbeispiele von Flucht und Vertreibung durchmessen
zeitlich und räumlich das Europa des 20. Jahrhunderts. Sie geben einen
Überblick über unterschiedliche Erscheinungsformen von erzwungener
Migration. Es werden auch historische Vorgänge dargestellt, die in Deutschland
oder im übrigen Europa wenig bekannt sind. Sie verdeutlichen, dass Vertreibungen
im 20. Jahrhundert ein gesamteuropäisches Phänomen darstellten.
Nicht wenige Nationen stellten im Kontext der Vertreibungen sowohl Opfer als
auch Täter, zeitlich versetzt oder sogar gleichzeitig. Dabei wendet sich
die Ausstellung gegen jede Form der Marginali-sierung begangenen Unrechts
und betont durch die Einbeziehung des jeweiligen historischen Kontext die
Ursachen der einzelnen Vertreibungsvorgänge. Geographisch häuften
sich Vertreibungen in Mitteleuropa, in Ost- und Südosteuropa. In Westeuropa
und im westlichen Nordeuropa fanden sie kaum statt. Die Zonen der Vertreibungen
lagen im Bereich der 1918 zerfallenden Vielvölkerreiche, der neuen und
umstrittenen Grenzziehungen, der Gebiete mit ethnischer Mischbevölkerung
und des Einflussbereiches des deutschen Nationalsozialismus und der stalinistischen
Sowjetunion. Vertreibungen häuften sich in Kriegs- und Nachkriegszeiten.
Oft wurden sie von Diktaturen durchgeführt. Doch auch in Friedenszeiten
und von demokratisch gewählten Regierungen oder der Völkergemeinschaft
wurden Zwangsmigrationen durchgeführt oder gebilligt.
In den politischen Begründungen für die Vertreibungen spiegelt sich
der Wandel des Nationalstaatsgedankens wider. Vom Lausanner Abkommen 1923
über den rassisch-ideologisch übersteigerten Nationalismus der Nationalsozialisten
bis zum Vertrag von Dayton 1995 und der Entschließung der UN-Menschenrechtskommission
von 1998 werden in dieser Ausstellung unterschiedliche Beweggründe für
erzwungene Bevölkerungstransfers dokumentiert. Vertreibungen und Zwangsdeportationen
waren seit der Haager Landkriegsordnung (1907), den Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozessen
(1945) und dem UNO-Pakt gegen Völkermord (1948) strafbewehrt verboten.