Die Ausstellung „Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung im Europa
des 20. Jahrhunderts“ ist ein Kind der Stiftung ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN.
Seit dem 6. September 2000 gibt es das ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN als gemeinnützige
Stiftung der deutschen Heimatvertriebenen. Es hat die Aufgabe, mit einem Dokumentationszentrum
Ort der Mahnung zu sein und Vertreibung als Mittel von Politik jedweder Art
weltweit zu ächten.
Vier gleichrangige Schwerpunkte hat der Bund der Vertriebenen als Stiftungsgründer
gesetzt:
Zum einen soll in einem Gesamtüberblick in Berlin das Schicksal der vielen
Millionen deutschen Deportations- und Vertreibungsopfer erfahrbar gemacht
werden. Dazu gehören neben dem Leidensweg insbesondere auch die Siedlungsgeschichte
und das kulturelle Erbe als Teil des gesamtdeutschen Kulturgutes und einer
gesamt-deutschen Identität.
Zum anderen sollen die Veränderungen und die Schwierigkeiten Deutschlands
durch die Integration Millionen entwurzelter Landsleute ausgeleuchtet werden.
Das Haus der Geschichte hat dazu mit der Ausstellung „Flucht, Vertreibung,
Integration“ einen guten Ansatz gefunden, der sich gemeinsam weiterentwickeln
lässt.
Diese beiden Aufgabenstellungen gehören in den Bereich des Selbstverständlichen
eines Volkes. Die Selbstvergewisserung um die eigene Herkunft, die Kenntnis
um die schwierigen und traumatischen Lebensläufe der Betroffenen und
ihre Selbstüberwindung, ausgerichtet auf ein versöhntes Europa,
helfen bei der Bewältigung der Zukunft.
Beide Stiftungsaufträge sind aber nicht Kern dieser Ausstellung, sondern
bleiben einer dauerhaften Dokumentationsstätte in Berlin vorbehalten.
Die beiden weiteren Aufgaben sind seitens eines Opferverbandes nicht selbstverständlich,
denn sie betreffen primär nicht das eigene Schicksal, sondern sie werden
getragen von der Solidarität mit anderen Opfern.
Dazu gehört der Franz-Werfel-Menschenrechtspreis. Mit ihm werden alle
zwei
Jahre Personen ausgezeichnet, die sich insbesondere gegen die Verletzung von
Menschenrechten durch Völkermord, Vertreibung und die bewusste Zerstörung
nationaler, ethnischer oder religiöser Gruppen gewandt haben.
Die heute beginnende Ausstellung und die nächsten drei Monate widmen
sich der schwergewichtigen Aufgabe, den Blick auf die vielfältigen Vertreibungen
in Europa und seinen Grenzgebieten im 20. Jahrhundert zu öffnen. Sie
ist keine Ausstellung, die Totalitarismus und Nationalsozialismus oder Kommunismus
zum Kernthema hat, da Vertreibungen nicht nur in solchen Systemen oder als
Folge solcher Systeme erfolgten, sondern durchaus auch in vermeintlich zivilisierten
Herrschaftsformen oder gar durch den Völkerbund. Der jeweilige Kontext
ist wesentlich.
Viele der Geschehnisse sind in Vergessenheit geraten. Wir wollen mit unserer
Stiftung, beginnend mit dieser Ausstellung, die Vertreibungsopfer dieser Vergessenheit
entreißen. Wir wollen ihnen Fürsprecher sein. Alle Opfer von Genozid
und Vertreibung brauchen einen Platz im historischen Gedächtnis Europas.
Von Anbeginn gehörte der europäische Blick zu den Anliegen unserer
Stiftung. Das hat dazu beigetragen, dass zahlreiche renommierte Persönlichkeiten
unsere Arbeit unterstützen.
Unsere temporäre Ausstellung im Kronprinzenpalais durchmisst zeitlich
in Fallbeispielen das 20. Jahrhundert. Darin wird ein Überblick auf unterschiedliche
Erscheinungsformen von Vertreibung gegeben, die alle eines gemeinsam haben:
man will sich missliebiger Bevölkerungsteile entledigen. Es werden auch
historische Vorgänge dargestellt, die kaum bekannt sind. Nicht wenige
Nationen stellten im Kontext der Vertreibungen sowohl Opfer als auch Täter,
zeitlich versetzt oder sogar gleichzeitig. Mehr als 30 Völker Europas
haben in diesem Zeitraum als Ganzes oder in Teilen ihre Heimat verloren.
In dieser Ausstellung werden durch ausgewählte Beispiele gemeinsame,
aber auch unterschiedliche Ursachen, Wirkungen und Folgen von Vertreibung
dokumentiert. Dabei wendet sie sich gegen Thesen von Kollektivschuld und Kollektivstrafe,
so wie es das Völkerrecht einfordert. Es gibt keine Gewichtung der Leiden
jedes einzelnen Betroffenen. Vielmehr gilt das Postulat der unteilbaren Humanitas.
Insgesamt ist diese Ausstellung singulär. Nichts Vergleichbares hat es
bislang gegeben. Weder in Deutschland noch irgendwo anders in Europa.
Die Ausstellung mit allen ihren Exponaten war nur deshalb möglich, weil
das ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN ein enges und wirksames europäisches
Netzwerk von Wissenschaftlern und Betroffenen aufgebaut hat.
Mein Dank gilt unserem Wissenschaftlichen Beirat und er gilt allen Spendern,
die überwiegend aus dem Bereich der deutschen Heimatvertriebenen kommen.
Und mein Dank gilt meinem sozialdemokratischen langjährigen Mitvorsitzenden
Peter Glotz. Wir haben die Ausstellung gemeinsam vorbereitet, die Konzeption
gemeinsam erarbeitet. Das was wir Ihnen heute zeigen, atmet auch seinen Geist.
Sein Tod vor fast einem Jahr war ein großer Verlust.
Peter Glotz und ich hatten auch einen besonders guten Griff bei der Auswahl
der Kuratoren. Wilfried Rogasch, Katharina Klotz und Doris Müller-Toovey
haben in 18 Monaten eine unglaubliche Leistung vollbracht. Sie waren quer
durch Europa unterwegs und haben mit Kompetenz und Überzeugungskraft
Türen geöffnet. Ihre ideale Ergänzung fanden wir mit dem Ausstellungsarchitekten
Bernd Bess. Wir haben 80 Leihgebern aus 14 Nationen für die insgesamt
280 Objekte zu danken, die in der Ausstellung gezeigt werden.
Eines machten die Diskussionen der Vergangenheit zum Thema Vertreibung deutlich:
Eine homogene europäische Vertreibungserinnerung ist kaum möglich.
Claus Leggewie hat sehr treffend prognostiziert, dass am Ende „jedes
Land die Vertreibungsdiskussion startet, in der es sich ‘findet’–
und so doch alle gemeinsam und doch anders an einer gesamteuropäischen
Erinnerung schreiben“. Mit dieser Ausstellung wollen wir dazu beitragen.