Flucht und Vertreibung sind eine scheinbar unendliche Geschichte. Sie handelt
nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von der Gegenwart. Sie hat weder
im 20. Jahrhundert begonnen noch ist sie damals zu Ende gegangen. Wer eine
schreckliche Vergangenheit
nicht in die Zukunft verlängern will, muss die Lektionen der Geschichte
lernen, soweit sich überhaupt über Generationen hinweg Erfahrungen
vermitteln und Einsichten in Veränderungen umsetzen lassen.
Geschichte hat man nicht für sich allein, sondern immer mit anderen gemeinsam.
Dies gilt für Personen, deren Leben sich immer und notwendigerweise im
Kontext zu anderen Menschen vollzieht, und schon gar für Länder,
Völker und Nationen.
Die Deutschen hatten ihre Geschichte nie für sich allein. Von mehr Nachbarn
als jedes andere Land in Europa umgeben, waren die Deutschen immer auch von
den Entwicklungen in Nachbarländern und diese von Ereignissen in Deutschland
direkt und indirekt betroffen. Mehr als für alle anderen Länder
gilt dies für das Verhältnis Deutschlands zu Frankreich und zu Polen.
So wie die Identität einer Person durch Herkunft und Erfahrungen ganz
wesentlich bestimmt ist, so gilt auch für Länder, Völker und
Nationen, dass die Gegenwart nicht ohne die Vergangenheit zu erklären
und die Zukunft ohne das Bewusstsein damit verbundener Erfahrungen nicht zu
bewältigen ist.
Eine besondere Schwierigkeit besteht in der Diskrepanz zwischen den großen
historischen Ereignissen und den scheinbar kleinen persönlichen Schicksalen,
deren Summe aber überhaupt erst die großen Veränderungen ausmachen.
Die Geschichte der Vertreibung in Europa ist dafür ein besonders gutes
und zugleich sensibles Beispiel. Die historischen Kausalitäten, der Zusammenhang
zwischen Ursache und Wirkung liegt bei den großen Vertreibungen, die
es in der europäischen Geschichte vor allem des 20. Jahrhunderts gegeben
hat, regelmäßig klar zu Tage. Eine hinreichende Erklärung
für das persönliche Vertreibungsschicksal ergibt sich daraus fast
nie. Das macht den Umgang mit dem Thema persönlich wie politisch so schwierig,
das Risiko von Missverständnissen und Verletzungen so hoch, und darf
dennoch nicht zu dem leichten Ausweg verleiten, Einzelschicksale verdrängen
zu wollen, um für die großen Zusammenhänge und für das
veränderte Verhältnis von Nachbarländern zueinander Irritationen
zu vermeiden. Der Preis der Verdrängung ist Distanz – nicht die
kühle Distanz des Historikers, der emotionslos Fakten und Ereignisse
sortiert, sondern die emotionale Distanz von Betroffenen zu den Institutionen
und Repräsentanten des eigenen wie des dauerhaft fremden Landes, das
auf diese Weise nie zum gefühlten guten Nachbarn werden kann.
Deshalb ist Erinnerungskultur ebenso wichtig wie schwierig. Und deshalb ist
sie auch eine staatliche Aufgabe. Menschen, die persönlich schuldlos
Opfer politischer Entwicklungen, staatlich veranlasster Verirrungen oder Verbrechen
geworden sind, haben einen Anspruch darauf, in ihrem Schmerz, mit ihrem Schicksal
nicht allein gelassen zu werden.
Es wäre unsinnig, eine solche Kultur der Erinnerung ohne die Betroffenen
entwickeln und pflegen zu wollen, aber es wäre auch unklug, sie allein
den Vertriebenen als besonders Betroffenen zu überlassen. Entgegen manchen
Besorgnissen ist es vielleicht eher ein Vorteil, dass die Bemühungen
um dieses Anliegen in kurzem zeitlichen Abstand gleich zwei Mal erfolgen,
durch zwei Ausstellungen, von denen die eine in gesellschaftlicher, die andere
in staatlicher Verantwortung entstanden sind. Dies macht neben vielen Übereinstimmungen
manche Unterschiede deutlich. Einen Anspruch auf Deutungshoheit hat ohnehin
niemand – weder Historiker, noch Politiker, noch Verbandsfunktionäre
und auch nicht Journalisten und Publizisten, deren Bemühungen um eine
differenzierende, kritische Begleitung dieser Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit
ich ausdrücklich würdigen möchte. Wer für sich ein Interpretationsmonopol
reklamiert, sollte sich am öffentlichen Diskurs besser gar nicht beteiligen,
wenn dieser denn auch ein Beitrag zur Verständigung und Versöhnung
werden soll.
Im Koalitionsvertrag haben sich die beiden großen Volksparteien ausdrücklich
„zur gesellschaftlichen wie historischen Aufarbeitung von Zwangsmigration,
Flucht und Vertreibung“ bekannt: „Wir wollen im Geiste der Versöhnung
auch in Berlin ein sichtbares Zeichen setzen, um – in Verbindung mit
dem europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität über die
bisher beteiligten Länder Polen, Ungarn und Slowakei hinaus – an
das Unrecht von Vertreibung zu erinnern und Vertreibung für immer zu
ächten.“ Dies ist zweifellos eine öffentliche Aufgabe, die
durch gesellschaftliche Initiativen zu ergänzen, nicht aber zu ersetzen
ist.
Wer als Vertreter der Nachkriegsgeneration wie ich auch nur einen Hauch von
Vorstellungskraft über Ereignisse besitzt, die er selber nicht erlebt
hat, darf sich keine Illusion über die Größe der Anstrengungen
machen, die notwendig sind, um diesen Ansprüchen zu genügen.
Manche werden sich an die fulminante Auseinandersetzung erinnern, die vor
genau drei Jahren zwischen zwei herausragenden politischen und intellektuellen
Köpfen in Deutschland und Polen zu diesem Thema stattgefunden hat. Wladyslaw
Bartoszewski und Peter Glotz haben in zwei großen Beiträgen Anfang
August 2003 in der FAZ wechselseitig die Besorgnis einer selektiven Geschichtswahrnehmung
geäußert und mit heiligem Eifer für ihre gegensetzlichen Auffassungen
gestritten – auf einem intellektuellem Niveau und mit einem moralischen
Ernst, den man der quälenden Debatte der letzten Jahre im Ganzen gewünscht
hätte, die nicht immer mit heiligem Eifer geführt worden ist.
Ich habe – wie Peter Glotz – großen Respekt vor der Biografie
und der Lebensleistung des bedeutenden Publizisten, Historikers und Diplomaten
Bartoszewski, der Häftling in Auschwitz, Mitgründer einer geheimen
Hilfsorganisation für Juden, Teilnehmer des polnischen Widerstandes und
des Warschauer Aufstandes gewesen ist, nach dem Krieg durch die polnischen
Kommunisten sechseinhalb Jahre inhaftiert war und nach 1990 Botschafter in
Wien und Außenminister der Republik Polen gewesen ist. Deshalb nehme
ich seine Einwände sehr ernst, auch dann, wenn mir Besorgnisse unbegründet
und Einwände nicht überzeugend erscheinen.
Umso mehr haben mich die Zeilen berührt und ermutigt, die ich vor wenigen
Wochen in seinem Beitrag einer Festschrift aus Anlass des 70. Geburtstages
von Kardinal Lehmann gefunden habe: „Polen und Deutsche müssen
ihre gegenseitigen Relationen neu begreifen und definieren. Ich gehöre
der Generation an, die berechtigt ist, folgenden Aufruf mutig zu formulieren:
Lasst uns die Vergangenheit nicht vergessen und dafür sorgen, dass das
Bewusstsein der Vergangenheit gepflegt wird. Polen und Deutsche müssen
einander aber über ihre neue europäische Verantwortung verstehen
lernen, es ist nämlich Zeit, dass Polen und Deutsche aufhören, Europa
jeweils für sich zu vereinnahmen; sie müssen beginnen, gemeinsam
zum Wohle Europas zu wirken. … Die Herausforderung der Versöhnung
unter demokratischen Bedingungen ist eine bedeutende Sache. Trotz der tragischen
Vergangenheit haben es die Deutschen und die Polen verstanden, eine enorme
psychologische und moralische Wende zu vollziehen. Sie beginnen, im Sinne
von Verständigung und Versöhnung zu leben. Diese Erfahrungen und
diese Werte sind besonders wertvoll, leider auch deshalb, da Völker,
die auf unserem Kontinent nicht weit von uns leben, hier und heute noch mit
ähnlichen Herausforderungen konfrontiert werden.“
Ich unterstreiche diese Beurteilung Satz für Satz und ich bewundere den
Geist, der sich darin dokumentiert. Dies gilt auch und gerade für die
Schlussfolgerungen, die er daraus zieht: „Diese Erfahrungen sollten
wir nicht nur für uns bewahren. Polen und Deutsche können und sollten
Exporteure der Versöhnung und der Verständigung werden. Wir müssen
uns aber dessen bewusst sein, dass Freiheit und Demokratie die Conditio sine
qua non für Versöhnung und Verständigung darstellen. In diesem
Sinne ist die Herausforderung der Vollendung Europas untrennbar mit der Herausforderung
der Versöhnung verbunden.“
Jede Kultur beruht auf Erinnerung. Sie beginnt mit Erinnerung. Sie will freilich
darüber hinaus, aber sie hätte ohne diesen Anfang nicht einmal begonnen.
Für uns Europäer gilt, schon gar im Kontext einer noch immer im
Wachstum befindlichen Gemeinschaft nach Überwindung der politischen Teilung
dieses Kontinents, die nie, zu keinem Zeitpunkt, eine kulturelle Trennung
war, dass wir uns im Interesse der gemeinsamen Zukunft um ein gemeinsames
Verständnis der Vergangenheit bemühen müssen. Das ist schwierig,
aber möglich und nötig ganz gewiss.
Ich wünsche mir, dass diese Ausstellung einen Beitrag dazu leistet.