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AUSSTELLUNG IN BERLIN

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JOACHIM GAUCK

Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen a. D.

Eine Wegmarke ist erreicht. Eine wichtige gewiss, aber die Ausstellung „Erzwungene Wege“, die hier und heute eröffnet wird, ist nicht das, worauf die verantwortliche Stiftung hinarbeitet, ist also nicht das „ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN“ und auch nicht das von der Koalition so benannte „Sichtbare Zeichen“.
Das, was ich Wegmarke nannte, die Ausstellung hier im Kronprinzenpalais, mögen manche als eine Art Grundsatzerklärung der Stiftung betrachten, andere mögen befürchten, dass mit dem hier vorgestellten Ansatz, mit den vielfältigen internationalen Beispielen für Vertreibung eine später beabsichtigte nationale Nabelschau quasi versteckt werden soll.
Ich bin froh darüber, dass mit dieser Ausstellung auch eine Versachlichung der Debatte um ein ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN in Berlin möglich wird. Nicht mehr Befürchtungen, Unterstellungen, hoffentlich auch nicht mehr die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen werden künftig die Debatten bestimmen, sondern der Bezug auf die hier dargestellte Problematik.
Wie in einer Präambel Grundsätze zusammengefasst werden, auf denen der folgende Verfassungs- oder Gesetzestext beruht, so soll diese Ausstellung die kommende größere Dauerpräsentation des Themas Vertreibung begründen, beglaubigen und vorbereiten.
Es trifft sich gut, dass das interessierte Publikum hier in der Mitte Berlins zwei Ausstellungen zum Thema „Vertreibung“ sehen kann. Interessanterweise hat die Bonner Ausstellung, die zur Zeit im Deutschen Historischen Museum steht, das umgesetzt, was man den Verantwortlichen für ein „ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN“ immer unterstellt hat. Man hat einen nationalen Focus gewählt. Öffentlichkeit und Medien haben die Ausstellung offen und nicht verklemmt aufgenommen. Als wäre eine gewisse Erschöpfung nach dem langen Streit um das „ZENTRUM“ eingetreten, wurde gelassen und dankbar angenommen, was den Bonner Ausstellungsmachern gelungen war. Und wie nebenbei zeigte sich, dass die Nation reif genug war, ein Thema, das Deutsche als Opfer zeigt, angemessen anzunehmen. Es war eben nicht so, dass Derartiges automatisch eine Relativierung der deutschen Schuld nach sich ziehen musste.
Und mit der Ausstellung hier wird andererseits deutlich, dass deutsche Vertriebene, ihre Nachkommen, ihre Verbandsrepräsentanten und Politiker alles andere als notorische Nabelbeschauer sind. Die Präsidentin des BdV vertritt diesen Ansatz, nicht nur als Privatperson, sie ist auch Vorsitzende der Stiftung „ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN“. Man könnte sagen, die deutsche und internationale Öffentlichkeit kann daran ablesen, dass auf Seiten der Vertriebenen mehr passiert als ein 50jähriges Kreisen um das eigene Leid. Man hat gelernt, hat dazugelernt, was manchem schwer fällt und einige bis heute nicht wollen. Ich will jetzt nicht länger über Erika Steinbach sprechen – das hat vor etlichen Monaten Ralph Giordano nicht weit von hier getan –, aber eines soll doch noch in Erinnerung gerufen werden, dass sie sich sofort gegen die Aktivitäten der „Preußischen Treuhand“ ausgesprochen hat und bereit war zu unterschreiben, dass die Vertreter des „ZENTRUMS GEGEN VERTREIBUNGEN“ deren Aktionen ablehnen.
Die Ausstellung hier wie das geplante „ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN“ reagieren auf zweierlei Bedürfnisse im Land. Da ist zum einen ein neues Interesse an Kriegs- und Kriegsfolgethemen bei der jüngeren Generation. Unideologisch fragt sie einfach danach, was einst geschah und wie es geschah. Sie ist erzogen worden von Menschen, die in ihrer großen Mehrheit die deutsche Schuld an Krieg und Mordtaten der Nazis nicht leugneten, sondern intensiv behandelt haben. Und da sind zum anderen die nunmehr alten Vertriebenen und ihre Nachkommen, die das, was sie verloren haben, nicht ausreichend gewürdigt und bewahrt sehen im kollektiven Gedächtnis der Nation. Viele von ihnen sind noch erfüllt mit Groll gegenüber den Landsleuten, die ihre Heimat behalten haben und mit einer gewissen Kälte und Schnödigkeit auf die Heimatliebe und Trauer der Vertriebenen reagiert haben und reagieren. Sie fragten sich, wie denn wohl die Bremer, Saarländer, Aachener und Kölner sich verhalten hätten, wären sie die Vertriebenen gewesen, hätten im Westen Deutschlands ebenso brutale Feinde geherrscht wie im Osten, wo Stalin und das Sowjetimperium die neuen Grenzen diktierten.
Es ist eben keine automatische Folge des verbrecherischen Angriffskrieges, dass Millionen vertrieben wurden. Die westlichen Demokratien verhielten sich deutlich anders, sie ließen z. B. die Saarländer in der Heimat wohnen und respektierten zehn Jahre nach Kriegsende den Wunsch der Menschen, zu Deutschland zu gehören.
Für diese zweite Gruppe, die eigentlichen Vertriebenen, brauchte man eigentlich ein eigenes Konzept. Das aber geht nicht und ist andererseits in manchen dezentralen Erinnerungsorten in Deutschland seit Jahren existent.
Diese Ausstellung in der Mitte unserer Hauptstadt wirbt für einen Erinnerungsort an einen Schrecken, der das vergangene blutige Jahrhundert deutlich geprägt hat: Vertreibung. Dieser Schrecken ist nicht von Deutschen erfunden worden, aber Deutsche haben ihn in der Zeit der NS-Diktatur neben anderen Schrecken zum Mittel ihrer Politik gemacht. Dann sind sie – und das in einem historisch neuen riesigen Ausmaß – selber zum Opfer dieses Schreckens geworden, haben eine Kollektivstrafe erfahren, die den Deutschen in West- und Mitteldeutschland erspart geblieben ist.
Deshalb ist es so wichtig, dass die Mehrheit der nicht direkt betroffenen Deutschen, wenn sie schon nicht den Verlust der Heimat ersetzen kann, einen anerkannten, geschützten Raum der Erinnerung an das Verlorene schafft. Nicht um irgendeine Revanche zu fördern, sondern um dem Vergessen zu wehren, die Trauer der Traurigen nicht zu zensieren, sondern zuzulassen und um die Wurzeln, die historischen, kulturellen, politischen, wissenschaftlichen und religiösen von über 12 Millionen Deutschen, ins allgemeine Bewusstsein der Nation zu heben.
Es ist nicht normal oder sagen wir es genauer: Es ist weder den Psychen der Beteiligten angemessen noch der Vernunft förderlich, wenn derartige Verluste, wenn Traumata dieser Größenordnungen nicht im kollektiven Gedächtnis der Nation aufbewahrt werden. Was bislang in speziellen Erinnerungsbiotopen der Vertriebenen – durchaus auch mit beträchtlichen Mitteln der Öffentlichen Hand – gefördert wurde, sollte in den großen Rahmen des öffentlichen Gedenkens integriert und auch Teil der staatlichen Geschichtspolitik werden. Dabei wird nicht preisgegeben, was in der deutschen Erinnerungskultur in den letzten vier Jahrzehnten an Schuldanerkennung und Aufarbeitung der NS-Diktatur gewachsen ist. Es ist eben kein Paradigmenwechsel angesagt, der deutsche Schuld leugnen und die Nation als Hauptopfer darstellen wollte.
Es geht allerdings um eine Paradigmenergänzung, die das Leid Unschuldiger als solches wahrnimmt, ernstnimmt und – wo möglich – betrauert! Ich finde, dass die deutsche Hauptstadt ein guter Ort ist für eine solche Paradigmenergänzung. Nirgendwo in Deutschland wird deutlicher, dass wir die Schuld unserer deutschen Eltern und Großeltern nicht leugnen, sondern darstellen und bearbeiten. Deshalb kann auch am wenigsten in Berlin eine Überhöhung und Mythisierung deutscher Opfer erfolgen.
Einst in der Nachkriegsära, brauchten die Mehrheitsdeutschen das Leid der Vertriebenen wie das der Bombenopfer, Vergewaltigten und Gefangenen. Sie brauchten es wie einen Schutzschild. Den sie vor ihre verhärteten Seelen hielten. Sie waren unfähig zu Mitleid und Empathie mit den Opfern des deutschen Rassenwahns und der deutschen Kriegsführung – sie instrumentalisierten das Leid der Vertriebenen, waren erfüllt von Selbstmitleid, weil sie der ungeheuren Schuld, der Scham und der Trauer entgehen wollten.
Nachdem wir aber gelernt haben, dass eine Nation sich nicht verliert, wenn sie ihre Schuld bespricht, nachdem zur deutschen Identität das Bewusstsein eigener Jahrhundertschuld gehört, ist die Nation heute nicht mehr in Gefahr, nationalistisch zu werden, wenn sie ihrer eigenen Opfer gedenkt. Wir müssen auch glauben, was wir an politischer Kultur gewonnen haben und nicht so tun, als könnten Holocaust- und Kriegsschuldleugner in Deutschland einen Paradigmenwechsel herbeiführen.
Weil im kollektiven Gedächtnis die wirkliche Wirklichkeit aufgehoben sein sollte, wird man also keinen Bogen machen dürfen um die Deutschen, die mit dem Leid der Vertreibung in so besonderer Weise belastet wurden. Dass wir in solchem Bemühen um die Wirklichkeit plötzlich das analoge Leid ferner Völker aus größerer Nähe, auch emotionaler Nähe sehen, ist dabei in dieser Ausstellung offensichtlich. Wer weiß hierzulande schon, um ein Beispiel zu nennen, was sich zwischen Polen und Ukrainern an Vertreibung und Tod ereignet hat? Der Blick auf die vielen Vertreibungsnotstände zeigt uns, dass es letztlich bei dem Thema nicht um deutsche Heimattümelei geht, sondern um eins, das Individuen als Opfer von Mächten, meist Diktatoren und Despoten sieht, dass es um geraubte Menschenrechte geht und um den Verlust dessen, was unsere Verfassung in Artikel 1 in den Mittelpunkt stellt: die Würde des Menschen. Möge die Ausstellung daran mitwirken, das Bewusstsein für diese Werte wachsen zu lassen und auch zu erkennen, dass ein „geläutertes“ Geschichtsbild nicht beschädigt wird, wenn die Nation Trauer um eigenes Leid zulässt.