Eine Wegmarke ist erreicht. Eine wichtige gewiss, aber die Ausstellung „Erzwungene
Wege“, die hier und heute eröffnet wird, ist nicht das, worauf
die verantwortliche Stiftung hinarbeitet, ist also nicht das „ZENTRUM
GEGEN VERTREIBUNGEN“ und auch nicht das von der Koalition so benannte
„Sichtbare Zeichen“.
Das, was ich Wegmarke nannte, die Ausstellung hier im Kronprinzenpalais, mögen
manche als eine Art Grundsatzerklärung der Stiftung betrachten, andere
mögen befürchten, dass mit dem hier vorgestellten Ansatz, mit den
vielfältigen internationalen Beispielen für Vertreibung eine später
beabsichtigte nationale Nabelschau quasi versteckt werden soll.
Ich bin froh darüber, dass mit dieser Ausstellung auch eine Versachlichung
der Debatte um ein ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN in Berlin möglich wird.
Nicht mehr Befürchtungen, Unterstellungen, hoffentlich auch nicht mehr
die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen werden künftig die Debatten
bestimmen, sondern der Bezug auf die hier dargestellte Problematik.
Wie in einer Präambel Grundsätze zusammengefasst werden, auf denen
der folgende Verfassungs- oder Gesetzestext beruht, so soll diese Ausstellung
die kommende größere Dauerpräsentation des Themas Vertreibung
begründen, beglaubigen und vorbereiten.
Es trifft sich gut, dass das interessierte Publikum hier in der Mitte Berlins
zwei Ausstellungen zum Thema „Vertreibung“ sehen kann. Interessanterweise
hat die Bonner Ausstellung, die zur Zeit im Deutschen Historischen Museum
steht, das umgesetzt, was man den Verantwortlichen für ein „ZENTRUM
GEGEN VERTREIBUNGEN“ immer unterstellt hat. Man hat einen nationalen
Focus gewählt. Öffentlichkeit und Medien haben die Ausstellung offen
und nicht verklemmt aufgenommen. Als wäre eine gewisse Erschöpfung
nach dem langen Streit um das „ZENTRUM“ eingetreten, wurde gelassen
und dankbar angenommen, was den Bonner Ausstellungsmachern gelungen war. Und
wie nebenbei zeigte sich, dass die Nation reif genug war, ein Thema, das Deutsche
als Opfer zeigt, angemessen anzunehmen. Es war eben nicht so, dass Derartiges
automatisch eine Relativierung der deutschen Schuld nach sich ziehen musste.
Und mit der Ausstellung hier wird andererseits deutlich, dass deutsche Vertriebene,
ihre Nachkommen, ihre Verbandsrepräsentanten und Politiker alles andere
als notorische Nabelbeschauer sind. Die Präsidentin des BdV vertritt
diesen Ansatz, nicht nur als Privatperson, sie ist auch Vorsitzende der Stiftung
„ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN“. Man könnte sagen, die deutsche
und internationale Öffentlichkeit kann daran ablesen, dass auf Seiten
der Vertriebenen mehr passiert als ein 50jähriges Kreisen um das eigene
Leid. Man hat gelernt, hat dazugelernt, was manchem schwer fällt und
einige bis heute nicht wollen. Ich will jetzt nicht länger über
Erika Steinbach sprechen – das hat vor etlichen Monaten Ralph Giordano
nicht weit von hier getan –, aber eines soll doch noch in Erinnerung
gerufen werden, dass sie sich sofort gegen die Aktivitäten der „Preußischen
Treuhand“ ausgesprochen hat und bereit war zu unterschreiben, dass die
Vertreter des „ZENTRUMS GEGEN VERTREIBUNGEN“ deren Aktionen ablehnen.
Die Ausstellung hier wie das geplante „ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN“
reagieren auf zweierlei Bedürfnisse im Land. Da ist zum einen ein neues
Interesse an Kriegs- und Kriegsfolgethemen bei der jüngeren Generation.
Unideologisch fragt sie einfach danach, was einst geschah und wie es geschah.
Sie ist erzogen worden von Menschen, die in ihrer großen Mehrheit die
deutsche Schuld an Krieg und Mordtaten der Nazis nicht leugneten, sondern
intensiv behandelt haben. Und da sind zum anderen die nunmehr alten Vertriebenen
und ihre Nachkommen, die das, was sie verloren haben, nicht ausreichend gewürdigt
und bewahrt sehen im kollektiven Gedächtnis der Nation. Viele von ihnen
sind noch erfüllt mit Groll gegenüber den Landsleuten, die ihre
Heimat behalten haben und mit einer gewissen Kälte und Schnödigkeit
auf die Heimatliebe und Trauer der Vertriebenen reagiert haben und reagieren.
Sie fragten sich, wie denn wohl die Bremer, Saarländer, Aachener und
Kölner sich verhalten hätten, wären sie die Vertriebenen gewesen,
hätten im Westen Deutschlands ebenso brutale Feinde geherrscht wie im
Osten, wo Stalin und das Sowjetimperium die neuen Grenzen diktierten.
Es ist eben keine automatische Folge des verbrecherischen Angriffskrieges,
dass Millionen vertrieben wurden. Die westlichen Demokratien verhielten sich
deutlich anders, sie ließen z. B. die Saarländer in der Heimat
wohnen und respektierten zehn Jahre nach Kriegsende den Wunsch der Menschen,
zu Deutschland zu gehören.
Für diese zweite Gruppe, die eigentlichen Vertriebenen, brauchte man
eigentlich ein eigenes Konzept. Das aber geht nicht und ist andererseits in
manchen dezentralen Erinnerungsorten in Deutschland seit Jahren existent.
Diese Ausstellung in der Mitte unserer Hauptstadt wirbt für einen Erinnerungsort
an einen Schrecken, der das vergangene blutige Jahrhundert deutlich geprägt
hat: Vertreibung. Dieser Schrecken ist nicht von Deutschen erfunden worden,
aber Deutsche haben ihn in der Zeit der NS-Diktatur neben anderen Schrecken
zum Mittel ihrer Politik gemacht. Dann sind sie – und das in einem historisch
neuen riesigen Ausmaß – selber zum Opfer dieses Schreckens geworden,
haben eine Kollektivstrafe erfahren, die den Deutschen in West- und Mitteldeutschland
erspart geblieben ist.
Deshalb ist es so wichtig, dass die Mehrheit der nicht direkt betroffenen
Deutschen, wenn sie schon nicht den Verlust der Heimat ersetzen kann, einen
anerkannten, geschützten Raum der Erinnerung an das Verlorene schafft.
Nicht um irgendeine Revanche zu fördern, sondern um dem Vergessen zu
wehren, die Trauer der Traurigen nicht zu zensieren, sondern zuzulassen und
um die Wurzeln, die historischen, kulturellen, politischen, wissenschaftlichen
und religiösen von über 12 Millionen Deutschen, ins allgemeine Bewusstsein
der Nation zu heben.
Es ist nicht normal oder sagen wir es genauer: Es ist weder den Psychen der
Beteiligten angemessen noch der Vernunft förderlich, wenn derartige Verluste,
wenn Traumata dieser Größenordnungen nicht im kollektiven Gedächtnis
der Nation aufbewahrt werden. Was bislang in speziellen Erinnerungsbiotopen
der Vertriebenen – durchaus auch mit beträchtlichen Mitteln der
Öffentlichen Hand – gefördert wurde, sollte in den großen
Rahmen des öffentlichen Gedenkens integriert und auch Teil der staatlichen
Geschichtspolitik werden. Dabei wird nicht preisgegeben, was in der deutschen
Erinnerungskultur in den letzten vier Jahrzehnten an Schuldanerkennung und
Aufarbeitung der NS-Diktatur gewachsen ist. Es ist eben kein Paradigmenwechsel
angesagt, der deutsche Schuld leugnen und die Nation als Hauptopfer darstellen
wollte.
Es geht allerdings um eine Paradigmenergänzung, die das Leid Unschuldiger
als solches wahrnimmt, ernstnimmt und – wo möglich – betrauert!
Ich finde, dass die deutsche Hauptstadt ein guter Ort ist für eine solche
Paradigmenergänzung. Nirgendwo in Deutschland wird deutlicher, dass wir
die Schuld unserer deutschen Eltern und Großeltern nicht leugnen, sondern
darstellen und bearbeiten. Deshalb kann auch am wenigsten in Berlin eine Überhöhung
und Mythisierung deutscher Opfer erfolgen.
Einst in der Nachkriegsära, brauchten die Mehrheitsdeutschen das Leid
der Vertriebenen wie das der Bombenopfer, Vergewaltigten und Gefangenen. Sie
brauchten es wie einen Schutzschild. Den sie vor ihre verhärteten Seelen
hielten. Sie waren unfähig zu Mitleid und Empathie mit den Opfern des
deutschen Rassenwahns und der deutschen Kriegsführung – sie instrumentalisierten
das Leid der Vertriebenen, waren erfüllt von Selbstmitleid, weil sie
der ungeheuren Schuld, der Scham und der Trauer entgehen wollten.
Nachdem wir aber gelernt haben, dass eine Nation sich nicht verliert, wenn
sie ihre Schuld bespricht, nachdem zur deutschen Identität das Bewusstsein
eigener Jahrhundertschuld gehört, ist die Nation heute nicht mehr in
Gefahr, nationalistisch zu werden, wenn sie ihrer eigenen Opfer gedenkt. Wir
müssen auch glauben, was wir an politischer Kultur gewonnen haben und
nicht so tun, als könnten Holocaust- und Kriegsschuldleugner in Deutschland
einen Paradigmenwechsel herbeiführen.
Weil im kollektiven Gedächtnis die wirkliche Wirklichkeit aufgehoben
sein sollte, wird man also keinen Bogen machen dürfen um die Deutschen,
die mit dem Leid der Vertreibung in so besonderer Weise belastet wurden. Dass
wir in solchem Bemühen um die Wirklichkeit plötzlich das analoge
Leid ferner Völker aus größerer Nähe, auch emotionaler
Nähe sehen, ist dabei in dieser Ausstellung offensichtlich. Wer weiß
hierzulande schon, um ein Beispiel zu nennen, was sich zwischen Polen und
Ukrainern an Vertreibung und Tod ereignet hat? Der Blick auf die vielen Vertreibungsnotstände
zeigt uns, dass es letztlich bei dem Thema nicht um deutsche Heimattümelei
geht, sondern um eins, das Individuen als Opfer von Mächten, meist Diktatoren
und Despoten sieht, dass es um geraubte Menschenrechte geht und um den Verlust
dessen, was unsere Verfassung in Artikel 1 in den Mittelpunkt stellt: die
Würde des Menschen. Möge die Ausstellung daran mitwirken, das Bewusstsein
für diese Werte wachsen zu lassen und auch zu erkennen, dass ein „geläutertes“
Geschichtsbild nicht beschädigt wird, wenn die Nation Trauer um eigenes
Leid zulässt.