Das von den Türken beherrschte Osmanische Reich war
ein Vielvölkerstaat. Es umfasste neben weiten Teilen Vorderasiens und
Nordafrikas den Großteil der Balkanhalbinsel. Im 19. Jahrhundert setzte,
bedingt durch imperiale Überdehnung sowie Reform- und Modernisierungsversäumnisse,
ein schleichender Niedergang ein. Die Großmächte Russland, Österreich,
Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland suchten die Schwäche
des „kranken Manns am Bosporus“ auszunutzen. Sie verfolgten eigene
territoriale und wirtschaftliche Interessen im Orient. Daher förderten
sie die nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen der Balkanvölker.
Die Nationalstaatsideen dieser Völker richteten sich in erster Linie
gegen die türkische Herrschaft, doch gingen sie auch auf Kosten der jeweiligen
Nachbarn. Ob Griechen, Serben, Bulgaren, Rumänen oder Albaner, jede nationale
Erweckung war mit einem territorialen Maximalprogramm verbunden. Bereits während
der Orientkrise 1875-1878 kam es zu Vertreibungen. Vor allem Türken,
etwa aus Bosnien, waren die Opfer. Die Zeit arbeitete gegen die Vielvölkerreiche
und für das Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker. Die beiden
Balkankriege 1912/13 führten zu einer weitgehenden Verdrängung der
Osmanen aus Südosteuropa.
Türkische Intellektuelle entwickelten nun einen neuen Staatsgedanken:
Fort vom altertümlichen Vielvölkerreich hin zum „modernen“,
ethnisch homogenen türkischen Einheitsstaat. Die territoriale Stoßrichtung
sollte vom verlorenen Balkan weg nach Osten verlagert werden. Kleinasien („Anatolien“)
wurde zur türkischen Urheimat (anavatan) erklärt, von wo aus alle
Turkvölker vereint werden sollten („Pantürkismus“).
Aus Europa übernommene Rassegedanken spielten bei diesen geostrategischen
Überlegungen eine Rolle. Während des Ersten Weltkrieges nahm diese
Ideologie radikale Formen an. Nicht-Muslime wie Armenier und Griechen, aber
auch kleinere ethno-religiöse Gruppen wie die aramäischsprachigen
Assyrer wurden ihre Opfer.