Die Massaker und Deportationen der armenischen Bürger
des Osmanischen Reiches werden von der Mehrheit der Historiker und Genozidforscher
als Völkermord gewertet. Türkische Regierungen bestreiten allerdings
seit 1923 das Ausmaß und die Zielgerichtetheit der Verfolgung, verweisen
auf die Dynamik der Kriegshandlungen sowie auf eigene Opfer. Die Deportationen
und Massentötungen der Armenier im jungtürkischen Staat sind jedoch
belegt und bezeugt, nicht zuletzt durch die zahlreich im Osmanischen Reich
vertretenen deutschen Diplomaten.
Die armenische Bevölkerung hatte über Jahrhunderte im osmanischen
Vielvölkerstaat weitgehend unbehelligt gelebt, wenn auch, wie alle Nicht-Muslime,
rechtlich und steuerlich stark benachteiligt. Die im 19. Jahrhundert eingeleiteten
gesellschaftspolitischen Reformen (1829-1876) blieben Stückwerk. Während
des Russisch-Türkischen Krieges (1877/78) kam es zu Massakern an den
Armeniern, weshalb das Osmanische Reich nach seiner Kriegsniederlage auf dem
Berliner Kongress zum Schutz der armenischen Bevölkerung verpflichtet
wurde. Doch unter der Herrschaft Sultans Abdülhamit II. (1876-1909) kam
es 1894-1896 zu erneuten Massakern. Hoffnungen setzten die Armenier in die
Machtübernahme der Jungtürken 1908. Sie wurden jedoch durch die
Radikalisierung der Idee eines zentralistischen, ethnisch homogenen türkischen
Nationalstaates zunichte gemacht. Nach dem Kriegs-eintritt des Osmanischen
Reiches an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns 1914 verschärfte
sich die Haltung der jungtürkischen Regierung. Den Armeniern wurde pauschal
Kollaboration mit Russland unterstellt. Ab März 1915 kam es zu Deportationen
und massenhaften Ermordungen von Armeniern, die einen systematischen Zug entwickelten.
Hochrechnungen gehen von 800.000 bis 1,75 Millionen Todesopfern aus.
Die Karte zeigt die Grenzen des Osmanischen Reiches bis
1914 mit den Siedlungsgebieten der Armenier. Die Pfeile markieren die Richtungen
der Vertreibungen und Deportationen,deren hauptsächliches Ziel die syrische
Wüste war.
© Stefan Walter, Berlin, nach einer Vorlage aus
dem Armenian National Committee of America, Washington