Im Laufe der Balkankriege 1912/13 und des Ersten Weltkriegs erblühte unter den Griechen erneut die Megali Idea, d. h. die Idee von einem Nationalstaat, der alle griechisch besiedelten Gebiete auf dem Balkan und in Kleinasien (Istanbul, die Marmara- Region, Kappadokien und den Pontus an der Schwarzmeerküste) umfassen sollte. Der Megali Idea der Griechen stand die jungtürkische Nationalbewegung unter Mustafa Kemal (der sich später „Atatürk“ nannte) entgegen. Beide nationalistischen Ambitionen mündeten in den griechisch-türkischen Krieg 1919-1922, an dessen Ende die griechische Armee zur Räumung Kleinasiens gezwungen wurde. Hauptleidtragende jedoch waren die Zivilisten. Die in Griechenland „kleinasiatische Katastrophe“ genannte militärische Niederlage kulminierte in der Zerstörung der Hafenstadt Smyrna am 13.9.1922. Dem Großbrand und den türkischen Gewalttätigkeiten fielen etwa 15.000 Flüchtlinge und Einwohner zum Opfer, darunter auch der Erzbischof Chrysostomos von Smyrna. Tausende versuchten per Schiff zu fliehen. Nach diesem Initialereignis setzte ein großer Flüchtlingsstrom über Land und über die Ägäische See ein. Die Friedensverhandlungen mündeten in den Lausanner Vertrag vom 24.7.1923. Zugleich wurde auf der Grundlage eines Papiers von Fridtjof Nansen, des damaligen Flüchtlingskommissars des Völkerbundes, ein Umsiedlungsabkommen vereinbart. Es sanktionierte rückwirkend die bereits durchgeführten Vertreibungen der Griechen aus Kleinasien sowie der Muslime vom hellenischen Festland und den Inseln in die Türkei und besiegelte die Zwangsaussiedlung und -ausbürgerung der noch verbliebenen religiösen Minderheiten. Um der nationalstaatlichen Logik und des „Friedens“ willen mussten beide Bevölkerungsgruppen, ohne jede Wahlmöglichkeit, ihre Wohngebiete – mit Ausnahme von Istanbul und Teilen Westthrakiens – aufgeben. Es folgte eine sich über Jahrzehnte erstreckende schwierige Integration der Flüchtlinge und Zwangsumgesiedelten.